Das Schauspiel
Schauspiel

Stell Dir einmal vor, es wird ein Schauspiel aufgeführt. Und es wird schon lange aufgeführt, nur eben mit immer ändernder Besetzung. Weil es für das Publikum ja langweilig wird, wenn immer dieselben Schauspieler auftreten und die nur Dialoge sich leicht ändern mit der Zeit, sollen auch andere Personen auftreten.

Genaugenommen handelt es sich bei dem Stück um eine Mischung zwischen Cabaret und Komödie, dabei wird das Publikum meist ganz schön auf die Schippe genommen. Das ist jetzt nicht so gut, weil es ja mit der Zeit jeder merkt. Und ohne Publikum gibt es keine Einnahmen und damit kein Schauspiel.

Was macht man nun? Das Drehbuch steht fest, die Regie weiß genau, was passieren soll, nur wie bekommt man das Publikum dazu, nicht schnell zu meutern, sondern lieber zu applaudieren?

Der Trick ist nun, dass man dem Publikum die Möglichkeit gibt, die Schauspieler selbst zu bestimmen. Die bewerben sich natürlich nach Kräften, immerhin geht es da ja um einige Hauptrollen. Und viele Nebenrollen. Alles immerhin gut bezahlt.

So vergehen nun die Jahre und das Publikum bekommt in regelmäßigen Abständen die Möglichkeit der Auswahl der Darsteller. Und jedes Mal, wenn dies geschieht, glaubt das Publikum auch, es würde sich am Stück etwas zu ihrem Vorteil verändern. Macht es aber nicht, aber das Publikum hat ja selbst bestimmt, wer da auf der Bühne steht. Denn die Schauspieler machen ja nicht das, was das Publikum sehen will, sondern was die Regie vorgibt.

Statt nun zu merken, dass es am Drehbuch und an der Regie liegt, dass dieses Stück nicht so toll ist, schimpft das Publikum auf die Schauspieler. Dabei machen die nur ihren Job, nach der Richtlinie des Drehbuches und nach den Anweisungen der Regie. Und wenn diese Schauspieler lange genug auf der Bühne waren und alle es leid sind, sie zu sehen, werden sie eben ausgetauscht. Und das Publikum darf zumindest mitbestimmen, wer die Rollen spielt. Nicht was die spielen sollen, nur ihre Position.

Jetzt fragt man sich natürlich, was ist denn, wenn jemand aus dem Publikum merkt, dass da etwas nicht stimmt? Und möglicherweise seine Erkenntnisse den anderen Menschen im Publikum mitteilen will? Na ja, dann nennen wir ihn erst einmal Verschwörungstheoretiker, das hat damals schon bei der Vertuschung des Mordes an J.F. Kennedy geholfen. Reicht es nicht, ihn damit unglaubwürdig zu machen, dann ist er eben ein Reichsbürger. Damit wird dieser Störenfried ermahnt, und wenn dies nicht hilft, dann findet man schnell Mittel und Wege, ihn komplett aus dem Saal zu entfernen. Man sperrt ihn weg, oder er hat einen Unfall, soll ja alles passieren können. Auf jeden Fall erreicht man damit, dass viele im Publikum zwar etwas merken, sich vielleicht auch mal etwas tuscheln, aber es doch im Allgemeinen recht friedlich dort. Alles gut.

Und weil dieses System so gut funktioniert, stellt man überall auf der Welt solche Schauspielbühnen auf. Zur Not auch mit Kriegen, Bürgerkriegen, Revolutionen. Weg mit den alten Bühnen, die Drehbuch, Regie und Darsteller in einer Person waren. Man nannte diese Bühnen früher Diktatur, davor Königreich. Da hörten das Publikum genau zu und merkte, wenn es an der Nase herumgeführt wurde.

Heute nennt man das System Demokratie, auch wenn es nur eine versteckte Diktatur ist, nur merkt es keiner mehr, weil alle ja glauben, sie hätten etwas mitzubestimmen.

Ist das nicht pfiffig von der Regie?

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wählen sie noch heute.

Es ist nur meine Ansicht, ich könnte aber auch recht haben
(aus dem Buch: "Es reicht - wir machen nicht mehr mit", Bernd Neuhaus)