Opferverhalten oder das Arme-Ich

Nachdem ich ja nun über den kleinen Energiedieb geschrieben habe, möchte ich doch mal ein paar Worte über seine meist unbewusste Motivation schreiben.

Warum so ein Verhalten überhaupt entstehen kann, liegt darin begründet, dass der Mensch es benötigt, in sozialen Beziehungen zu leben.
Im Tierreich würde man von einem Rudel sprechen, und dass dort die Verhältnisse recht klar sind. In einem Rudel von Hunden oder Wölfen gibt es ein Leittier
und eine einfache Hierarchie, die sich auf die Stärke begründet. Weil ja auch die stärkeren Tiere sowohl für den
Lebensunterhalt als auch für die Verteidigung gegen Feinde sorgen.

Beim Menschen kommt zu der Hierarchie der Starken auch noch das Gegenteil in Betracht, nämlich die Angst des Ausschlusses aus dem sozialen Verband.
Dies geschieht im Tierreich ganz selten, nämlich nur dann, wenn sich heranwachsende männliche Tiere aufmachen, um ein eigenes Rudel zu gründen,
oder wenn sich alte Tiere selbst zum Sterben aus dem Rudel entfernen. Ein schwaches Tier wird im Tierreich nicht einfach verstoßen.

Da auch für den Menschen die sozialen Kontakte sehr wichtig sind, ist es eindeutig, dass starke Menschen in der Hierarchie ganz oben angesiedelt sind.
Dass es hier manchmal lediglich die skrupellosesten sind, möchte ich an dieser Stelle nicht betrachten.

Damit auch die schwächeren Mitglieder genug Aufmerksamkeit und damit Energie bekommen, entwickeln diese meist auch Strategien. Und nein,
die wenigsten agieren bewusst so, meist entsteht so etwas unbewusst.

Da diese Menschen vermeintlich nicht stark werden können, holen sie sich die Aufmerksamkeit über ihre Schwäche. Sie fragen nach Hilfe und viele sind bereit diese auch zu geben.
Doch besonders, wenn ihnen auf einmal Wege aufgezeigt werden, mit denen sie den Opferstatus verlassen könnten, wehren sich diese Menschen häufig.
Ja, manchmal keilen sie sogar aus, wie ein junges Fohlen im Wespenschwarm. Einfach um ihren vermeintlichen Vorteil,
nämlich ihre Probleme oder Krankheiten, nicht zu verlieren.

Diese Menschen sind zwar in der Position, in der es ihnen nicht gut geht, aber sie scheuen unbewusst die Aufgabe, die ihnen mit einer freien Selbstbestimmung begegnen würde.
Also, lieber schlecht als etwas Neues. Man kann auch sagen, den Menschen geht es noch zu gut, auch wenn sich das erst einmal unfair anhört.

Solange diesen Menschen ihr eigenes Verhalten nicht klar wird, wird sich nichts ändern. Sie rennen von einer Hilfe zur nächsten, und immer bevor sich etwas ändern kann,
brechen sie ab und das Spiel beginnt von vorne.

Nun gibt es aus meiner Sicht für den Helfenden nur zwei Möglichkeiten, die beide den gleichen Anfang haben. Man sollte dem Hilfesuchenden sein Verhalten bewusstmachen,
denn dann hat dieser eine Chance, es zu durchbrechen. Nutzt er diese Chance, kann Heilung kommen, will er den Mechanismus dahinter nicht erkennen und wehrt sich,
dann ist jede weitere Hilfe vergebene Liebesmüh.

Dann darf er eben weiter leiden, denn er hat ja wie jeder andere auch einen Freien Willen.

Nur sollte man als Helfender rechtzeitig die Bremse betätigen und nicht seine Energie da verschwenden, wo sie noch keine Früchte trägt. 

Allerdings darf man sich als Helfender, dem des öfteren solche Menschen begegnen, auch fragen, was es mit einem selbst zu tun hat
und warum man es sich so erschafft.