Feuer im Menschenleib

Entstehung und Wesen der Entzündungen

(um 1950)

Weichteile als Schlackenspeicher

Wenn Ihr schon einmal einen jungen Hund am Fell gepackt habt, dann werdet Ihr erstaunt gewesen sein, wie weit Ihr dieses Fell abheben und hin und her bewegen konntet. Hier habt Ihr ein ungefähres Beispiel dafür, wie weich und elastisch die Gewebe auch beim Menschen sein sollen. Man muss bei ihm nicht nur überall die Haut gut abheben und verschieben können, sondern auch die darunterliegenden Weichteile müssen bei Betastung gleichmäßig weich und ausquetschbar sein, ohne dabei zu schmerzen.

Wie aber steht es damit bei den meisten Menschen? Die tastende Hand stößt überall auf schmerzhafte Härten von der Größe eines Punktes bis zu der einer Erbse und mehr, die teils in der Haut selbst, teils in den Weichteilen darunter liegen und eine Verfestigung und Versteifung der gesamten Umgebung herbeigeführt haben. Aber nicht nur die äußerlich tastbaren Weichteile haben derartige Veränderungen erlitten, wir haben Grund zu der Annahme, dass auch innere Organe in gleicher Weise von solchen Verhärtungen betroffen werden, weil das Mittelgewebe (Mesenchym) in welchem diese Entartungen vor sich gehen, ein Bestandteil aller Organe des Körpers ist. So sind z.B. durch die Bauchdecke hindurch in der Gegend des Magens und Darms derartige Härten ertastet worden.

Entstehung der Härten

Über die Entstehung der Gewebshärten ist folgendes bekannt geworden:
Im Stoffwechsel jedes Menschen bilden sich Abfallstoffe, welche bei normalen Funktionen durch die natürlichen Ausscheidungswege Blase, Darm, Haut und Lungen ausgeschieden werden. Bei einer Schwäche der Funktionen oder Überlastung des Stoffwechsels, können nicht mehr alle Abfälle ausgeschieden werden. Sie werden zunächst in flüssiger Form in die Gewebe ausgeschwitzt, wo sie gerinnen und sich allmählich bis zu den beschriebenen Härten verfestigen, welche wissenschaftlich als „Gelosen“ bezeichnet werden. Schon das flüssige Stadium der Ausschwitzungen, erst recht aber die Verfestigung zu Gelosen, greift auf das ganze umliegende Gewebe über, macht es unelastisch, hindert den normalen Säfteumlauf und führt so zu Funktionsstörungen, welche wieder auf den gesamten Körperhaushalt zurückwirken.

Häufigkeit der Gelosen

Die Masseure wissen, dass es nur wenige Menschen gibt, welche völlig frei von Gewebeverhärtungen sind, unter ihnen bezeichnender Weise die meisten Vegetarier. Die Gelosen treten schon im jugendlichen Alter auf, verschwinden wieder bei entsprechenden Ausgleichsmaßnahmen: Sport, natürliches Leben, Ausscheidungskrankheiten, um mit zunehmendem Alter, wachsender Entfernung von der Natur und verstärktem Lebensgenuss immer beständiger, härter und schließlich unheilbar zu werden. Sie finden sich nicht nur in den Muskeln, sondern auch in der Haut, im Unterhaut-Zellgewebe, an Sehnen und Gelenken; aber auch an Drüsen (Brustdrüsen) und im Fettgewebe. Überhaupt ist die Ansammlung von Fett im menschlichen Körper nicht, wie im Volke vielfach angenommen wird, eine gesunde Vorratskammer, aus der ein kranker und geschwächter Organismus im Notfall wichtige Kräftigungsmittel entnehmen kann, sondern ganz im Gegenteil: Fett ist Abfallstoff! Wenn der Körper mit der Ausscheidung von Stoffwechselschlacken nicht fertig wird, verwandelt er sie unter anderen in Fett und lagert sie als solches in den Geweben ab. Wie alle Schlacken gehört das Fett zu dem großen Misthaufen, auf den aller unverdaulicher Unrat geworfen wird, der aber durch seine Gärung und als mechanisches Hindernis das Leben erschwert und bedroht. Aus den Fettlagern kann ein kranker, appetitloser Körper keine Nahrung beziehen, sondern das Fettlager ist wie jede Gelose immer ein Vorstadium und eine Ursache von Krankheit; es muss irgendeinmal ausgeschieden werden, und diesen Ausscheidungsvorgang bezeichnen wir als „Krankheit“.

Wie erkennt man die Belastung?

Gelosen sind schmerzhaft, wenn sie gedrückt werden. Zum Durchsuchen der Gewebe nach Gelosen genügt es nicht, die Weichteile gegen ihre Unterlage zu drücken, sondern man muss einen Gewebeteil zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und so aus der Tiefe nach oben durchkneten, dass die Finger eine immer dünnere Schicht umgreifen. Dann merkt man am Schmerz oder an der Verhärtung, wenn man in die Nähe einer Gelose kommt, und kann diese dann deutlich mit den Fingern tasten. Oft kann man die Gewebeveränderungen schon beim bloßen Anblick des entkleideten Körpers erkennen.
Die normalen Körperformen sind verändert, man sieht Polster, Kissen und Wülste, wo sie nicht hingehören, während an anderen Körperteilen, z.B. Oberarmen und Oberschenkeln, eine gewisse Formlosigkeit auffällt. Manche disharmonische Gesichts- und Halsform ist auf solche Schlackenablagerungen zurückzuführen, und am verhängnisvollsten scheinen die Polster im Nacken zu sein, weil sie das Aufsteigen der Giftstoffe bis in die Nähe des Gehirns ansteigen.

Wenn innere Organe belastet sind, zeigt sich dies häufig an schmerzhaften Stellen in der Haut über diesen Organen (sog. Head'sche Zonen). So finden sich Gelosen der Bauchhaut bei Belastungen der Bauchorgane. Kreuzschmerzen werden häufig von Gelosen im Bereich des Kreuzbeines verursacht, welche die Folgen von Veränderungen der darunter liegenden Sehnen und Knochenhaut sind.

Blutstockungen durch Gelosen

Die mit den Gelosen verbundenen Gewebeverhärtungen führen zu einer Störung der Blutzirkulation, infolge deren über leichtes Einschlafen der Glieder, Ameisenlaufen, Hautjucken, Muskelzuckungen und Krämpfen an umschriebenen Stellen geklagt wird. Oft wird in Schultern und Armen, Gesäß und Oberschenkeln eine allgemeine Kraftlosigkeit empfunden. Durch plötzliche Kälte- und Gifteinwirkungen auf gelosierte Stellen, kommt es zum „Hexenschuss“ (Lumbago), einer schmerzhaften Entzündung einer Muskelgruppe der Lendengegend. Auch viele als „Nervenentzündung“ diagnostizierte Schmerzen (Neuralgien) werden bei genauerer Untersuchung nichts anderes sein als Gelose-Beschwerden.

Als Folge der Blutstockungen findet man häufig an Rumpf und Oberschenkeln reiserförmige bläuliche Erweiterungen der Hautvenen und kann bei diesen Zeichen sofort auf das Vorhandensein von weiteren Gelosen schließen. Gelosierung des Brustkorbes führt, besonders bei Männern, zur Erschwerung der Atmung. Entsprechende Zirkulationsstörungen der Kopfhaut haben Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaflosigkeit, aber auch Haarausfall und Schuppenbildung zur Folge.

Blutstockungen treten auch überall da leicht ein, wo Muskelgruppen von ihrer Tätigkeit und Beweglichkeit ausgeschaltet werden. Wenn z.B. Frauen zur Erzielung einer schlankeren Linie einen „Hüftformer“ tragen, so behindert dieser die Muskeltätigkeit in dieser Gegend und es wird gerade das Gegenteil erreicht: es bilden sich Fettpolster, wie man sie oft über den Hüft- und Leibhaltern hervorquellen sieht. In gleicher Weise wird die Rücken- und Gesäßmuskulatur bei allen Berufen ergriffen, die viel stehen müssen, die Nacken-, Schulter- und Armmuskulatur bei Autofahrern und Schreibmaschinenschreibern, die Unterschenkelmuskulatur bei Sitzberufen usw.. Der Wert und die Notwendigkeit einer ausgiebigen Körperbewegung durch körperliche Arbeit oder Gymnastik für die Gesunderhaltung, geht schon hieraus klar hervor.

Innere Gelosen

Von der äußerlichen sicht- und tastbaren Gelosenbildung schreiten die Schlackenstauungen weiter zu schweren Erkrankungen innerer Organe und Organsysteme wie Fettsucht, Leber- und Gallenleiden, Migräne, Gelenkleiden, hoher Blutdruck, Hautentzündungen und allen den vielfältigen schmerzhaften Beschwerden, welche unter dem Namen „Rheumatismus“ zusammengefasst werden (rheuma=fließen), weil es ganz unbestimmte Schmerzgefühle sind, die im Körper herumziehen, durch eine wissenschaftliche Diagnose oft nicht festzustellen sind und daher auch ärztlich oft zu wenig beachtet werden. Rheumatismus ist bis heute noch ein Volksbegriff, der von der Wissenschaft seinem Wesen nach nicht einwandfrei geklärt werden konnte. In den letzten Jahrzehnten hielt man den Rheumatismus für eine Infektionskrankheit und nahm an, dass von Eiterherden an den Zähnen, Mandeln oder irgendwo sonst im Körper Bazillen ausgestreut werden, welche zu schmerzhaften Entzündungen und Ausschwitzungen in den Geweben führen. Jahrzehntelang hat man diese Eiterherde entfernt und Millionen ihrer Gebisse, Mandeln usw. beraubt, ohne ein Nachlassen der Rheumatismuskrankheit zu beobachten. So kehrt man heute wieder zu den Ansichten der alten Ärzte zurück, welche die Stoffwechselschlacken als die Hauptursache des Rheumatismus erkannten. Die Infektionstheorie braucht deshalb nicht ganz fallen gelassen zu werden; aber die Infektion ist erst die Folge einer vorausgegangenen Stoffwechselstörung; denn nur dort, wo Stauungen vorhanden und die Gewebe geschädigt sind, können sich Bazillen entwickeln und ansiedeln.

Woraus bestehen die Gelosen?

Die bedeutendsten Forschungen auf dem Gebiet der Stoffwechselschlacken hat der englische Arzt Dr. Alexander Haig vor zwei Menschenaltern durchgeführt und in einem umfangreichen Buch niedergelegt. Wenn er darin die Harnsäure als dasjenige Stoffwechselprodukt bezeichnet, welches allen Schaden allein anrichtet, so sieht er dieses ungeheuer komplizierte Gebiet ein wenig zu einseitig. Wir wissen heute, dass die Harnsäure nicht die einzige Ursache der Störungen ist, sondern dass zahlreiche andere Stoffe auch zur Gelosenbildung führen. Aber immerhin liegt in der Haigschen Arbeit die erste brauchbare Erkenntnis der Stoffwechselzusammenhänge vor, und die Harnsäure ist tatsächlich der bedeutendste nachweisbare Faktor in diesem Geschehen. Wenn wir daher im Folgenden von „Harnsäure“ sprechen, so meinen wir damit nicht die Harnsäure allein, sondern den ganzen noch unerforschten Komplex, in dem sie die Hauptrolle spielt.

Dr. Haig litt seit Jahren an Migräne, die jeder Behandlung trotzte. In seiner Verzweiflung begann er mit Ernährungsexperimenten und ließ in seiner Nahrung zuerst das Fleisch, später auch den Fisch allmählich weg und ernährte sich schließlich nur noch vegetarisch. Je mehr er den Fleisch- und Fischgenuss einschränkte, desto mehr nahmen seine Migräneanfälle an Häufigkeit und Heftigkeit ab, und während er durchschnittlich jede Woche einen Anfall hatte, blieben sie nun monatelang aus, bis sie schließlich ganz verschwanden.

Damit war erwiesen, dass im Fleischgenuss die Ursache der Migräne zu suchen war, und sieben Jahre lang durchgeführte genaueste Untersuchungen der Körperausscheidungen bei den verschiedensten Ernährungsarten ergaben, dass dieses Endprodukt der Fleischverdauung, die Harnsäure, tatsächlich das Gift war, welches seine Migräne verursachte.

Der Harnsäurestoffwechsel

Bilden sich aus irgendwelchen Ursachen mehr Stoffwechselschlacken, als die normalen Funktionen bewältigen können, dann wird die überschüssige Harnsäure, die unter normalen Bedingungen bis zu ihrer Ausscheidung in flüssiger Form im Blute kreist, in die Gewebe ausgeschwitzt und abgelagert, wie wir das oben schon beschrieben haben.

Harnsäure ist das Endprodukt der Eiweißverdauung und im gesunden Körper ein normaler Bestandteil des Blutes und der Organe und wird im Urin regelmäßig in folgenden Mengen gefunden:

bei gemischter Kost: 0,5 - 1,0 gr
bei Fleischkost: 1,0 – 2,0 gr
bei vegetar. Kost: 0,5 – 0,5 gr

Am stärksten ist die Harnsäure konzentriert in den inneren Organen wie Leber, Nieren usw.

Von den Gewebelagern bricht die Harnsäure gelegentlich wieder in das Blut ein und verursacht Unbehagen, Müdigkeit, Schwere der Glieder, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, die zum Einnehmen von säurehaltigen Tabletten, zum Genuss von Reizmitteln wie Kaffee, Alkohol, Nikotin, oder zur „Stärkung“ durch Reiznahrung wie Fleisch, Eier usw. verleiten. Dadurch wird die Harnsäure wieder in die Gewebe zurückgetrieben, das momentane Unwohlsein verschwindet, die Giftlager aber vergrößern sich immer mehr und führen zu immer erneuten Einbrüchen in das Blut – eine Kette ohne Ende, bis es einmal zur Krise kommt, zur Entzündung, zum Ausbruch des „Feuers im Menschenleib“.

Die Entzündung

Fast alle Krankheiten sind Entzündungen oder beginnen mit solchen. Was sich da entzündet, sind nichts anderes als die Stoffwechselschlacken in den Geweben. Irgendein äußerer oder innerer Anlass wie Erkältung, Ansteckung oder seelische Erschütterungen lösen den Brand aus, welcher wie im Herbst die Kartoffelfeuer den Unrat verbrennt. Dabei werden Schlacken auf dem Blutweg in irgendeinem Organ des Körpers - das durch Erbanlage oder sonstige Schwäche dazu geneigt ist - konzentriert, dort in eine Ausscheidungsform wie Schleim, Eiter, Schweiß, Ausschlag umgewandelt und unter erheblichen Beschwerden und Schmerzen ausgeschieden werden. So kommen Lungen-, Rippenfell-, Gelenk-, Hals-, Ohren- u.a. Entzündungen mit ihren Ausscheidungen zustande. Diese krisenhafte Vernichtung von Harnsäurelagern nennen wir „Krankheit“, und wenn wir sie richtig behandeln, d.h. herauskommen lassen, was heraus will, dann fühlt sich der Mensch nach seiner Krankheit wie neugeboren.

Ursachen der Schlackenbildung

Wenn wir die letzten Ursachen der Schlackenbildung im Körper erkennen wollen, so dürfen wir nicht beim Wechsel der Stoffe stehen bleiben, sondern müssen bis zu den Kräften zurückgehen, welche den Stoffwechsel betreiben, ihn schwächen oder stärken können. Diese Kräfte finden wir nicht im stofflichen Leib, sondern in den höheren Organisationen des Menschen, welche der exakten Naturwissenschaft noch nicht zugänglich sind. Aber sie sind seit urdenklichen Zeiten bekannt und durch weise Menschheitsführer von Epoche zu Epoche überliefert worden. Mit diesem Urwissen lässt sich der Lebensprozess restlos erklären. Hier finden wir die Ur-Ursache von Krankheit und Not und damit die Mittel zur Vorbeugung derselben. Sollen wir auf diese Lehren verzichten, bloß weil die Naturwissenschaften noch nicht so weit vorgeschritten sind?

Herr und Diener

Der Mensch ist ein geistig-seelisch-leibliches Wesen, in welchem der Geist der Herr, der Leib der Diener und die Seele die Mittlerin zwischen den beiden ist. Geist und Seele kommen aus anderen Welten und haben sich den Leib geschaffen, um in der irdischen Welt durch ihn eine bestimmte zeitlich und räumlich begrenzte Aufgabe zu erfüllen. Im Wachbewusstsein sind Geist und Seele mit dem Leib vereint, im Schlaf verlassen sie ihn, um sich in ihre eigenen Welten zu ergießen; und wenn sie einmal nicht mehr in ihn zurückkehren, verfällt der Leib zu Staub. Was da stirbt ist nicht der Mensch, sondern nur seine stoffliche Hülle, mittels deren er ein kurzes Erdenleben lang eine bestimmte Mission zu erfüllen hatte.

Hieraus ergibt sich die richtige Wertung des fleischlichen Leibes für das menschliche Wesen: er ist unentbehrlich zur Durchführung der irdischen Mission, aber er ist nicht die Hauptsache des Menschen, sondern nur sein Instrument für einen beschränkten Zweck, ein Diener, dessen Arbeiten der Herr vergibt und beaufsichtigt, der aber auch bester Behandlung bedarf, um seine Pflichten immer treu erfüllen zu können.

Mikrokosmos-Makrokosmos

Die Menschheit ist ein Organismus aus Milliarden Menschengeistern, die sich in einer großen Entwicklung befinden und sich zwecks Sammlung von Erfahrungen und Erkenntnissen immer wieder auf der Erde verkörpern. Dieser geistige Menschheitsorganismus ist, wenn er zur Zeit auch noch so gespalten erscheint, eine Einheit, ein Abbild eines übermächtigen unvorstellbaren Geistes, des All-Einen, das in jedem Menschengeist wirkt.

Wie sich das All-Eine sein Reich von Milliarden Menschengeistern geschafft hat, in deren jedem es in seiner ganzen Größe lebt, so hat der menschliche Geist sich seinen Leib, einen Staat von Milliarden Zellen, gebaut, durch deren jede er sein Leben und seine Aufgaben verwirklicht. Jede Zelle ist ein Mikrokosmos des Makrokosmos Mensch, jeder Mensch ein Mikrokosmos des Makrokosmos All-Eines. Wir stehen vor der kaum fassbaren Tatsache, dass das All-Eine sich in eine unzählbare Vielheit bis zur mikroskopisch kleinen Zelle zerspreitet hat, um so in vollendeter Weise seine große Aufgabe zu erfüllen: sich durch Leben selbst zu erkennen.

Dieser kurze Hinweis auf die höhere Bedeutung des Menschen und seines Leibes war notwendig, um auch die Stoffwechselvorgänge in diesem Leib in das rechte Licht zu rücken: sie dienen nicht nur der Erhaltung und Funktionstüchtigkeit des Körpers, sondern indirekt einer viel größeren Idee, wenn wir diese auch nicht immer erkennen. Wenn wir jede Anstrengung unternehmen, um unseren Leib gesund zu erhalten, so sollen wir es nicht tun wegen unseres persönlichen Behagens, sondern um der großen geistigen Aufgabe willen, deretwegen wir in das Leben hineingestellt wurden, und die wir doch einmal erfüllen müssen, wenn nicht jetzt, dann später.

Der Zellenstaat

Unser Körper besteht aus unzähligen Einzelzellen, die sich je nach ihrer Eigenart zu Organen verbinden. Jede Zelle ist das Spiegelbild des ganzen Körpers, und wie dieser von der umgebenden Natur abhängig ist, so ist auch jede Zelle von dem Zwischengewebe (Mesenchym) abhängig, von dem sie umgeben und ernährt wird. Durch das Zwischengewebe hindurch gelangen von der Blutbahn her die Nahrungsstoffe in die Zelle hinein, und in das Zwischengewebe stößt die Zelle ihre Ausscheidungsstoffe ab, welche wieder auf dem Blutwege zu den Ausscheidungsorganen des Körpers gelangen und dort ausgestoßen werden. Dieser Wechsel der Stoffe in die Zelle und aus der Zelle ist der menschliche „Stoffwechsel“, mit dem wir uns hier beschäftigen.

Abfallstoffe der Zelle

Was für Stoffe werden aus der Zelle ausgeschieden? Wir wissen noch wenig davon, aber da wir die Zelle als einen Mikrokosmos, als eine kleine Welt in der großen Welt erkannt haben, dürfen wir annehmen, dass in ihr alle Lebensstoffe und kosmischen Schwingungen zirkulieren „wechseln“, die wir im Leben und im Kosmos kennen; selbst die Gestirne mit ihren Bahnen um die Sonne ähneln dem Kreise der Elektronen um den Zellkern. Wenn Ihr euch ein Bild von dem Leben der Zelle machen wollt, dann vergleicht sie mit dem Menschen, mit seiner Nahrungsaufnahme und Ausscheidungstätigkeit, seinem Wirken in die Umwelt und seiner Aufnahme der Umwelt in sich hinein – nehmt nur alles so umfangreich und vollständig wie irgend möglich und lasst euch nicht dadurch stören, dass die Zelle ein so winziges, für das bloße Auge gar nicht erkennbares Wesen ist: wie unendlich viel kleiner ist doch der Mensch von einem Flugzeug aus gesehen, geschweige denn als Lebewesen im Kosmos!

Wie der Leib seine Ausscheidungsorgane, Darm, Blase, Haut hat, so hat die Zelle ihre gleichartigen Ausscheidungsorgane, und was der Mensch ausscheidet in gesunden und kranken Tagen, das scheidet auch die Zelle aus. Die Ausscheidungen des Menschen sind letzten Endes Sonnenkräfte, welche sich durch den Stoffwechsel der Natur zu essbaren Früchten materialisieren; der menschliche Stoffwechsel hat die Aufgabe, diese materialisierten Sonnenkräfte in eine für die Zelle aufnehmbare Form umzuwandeln und durch das Zwischengewebe in die Zelle zu transportieren. Mittels dieser Nahrung vollbringt die Zelle ihre Leistung, die sich in die Leistung des Organes umsetzt. Die Leistungen aller Organe wieder ermöglichen dem Körper das Leben, und dieses Leibesleben gibt dem Geist die Möglichkeit, durch den Menschen für die Menschheit zu wirken. Das Ziel dieses Wirkens heißt Selbsterkenntnis durch den Lebensprozess und das Mittel zu diesem Ziel heißt: Liebe. So müsst Ihr die unscheinbare Zelle sehen als ein wichtiges unentbehrliches Glied der Lebenserfüllung.

Sterben und Werden

Wie der Geistesmensch seinen Leib immer wieder ablegt und sich einen neuen erbaut, so ist auch das Leben der Zelle ein dauerndes Sterben und Werden. Täglich sterben Millionen von Zellen im Körper ab und werden als Abfallprodukte durch Zwischengewebe und Blutbahn aus den Ausscheidungsorganen ausgeschieden. Die gestorbene Zelle ist totes Eiweiß, welches im üblichen Stoffwechselprozess bis zur Harnsäure abgebaut wird. Harnsäure bildet sich also nicht allein aus der aufgenommenen Eiweißnahrung, sondern auch aus dem natürlichen Zellensterben im Innern des Körpers. In Zeiten, wo dieses Zellensterben verstärkt wird, also während Krankheiten oder durch seelische Erschütterungen, fehlt der Appetit, weil Umwandlung und Abtransport der Zellenleichen die ganze Kraft des Körpers beanspruchen. Wenn der Mensch dann trotz des deutlichen Winkes der Natur (Appetitmangel) eiweißreiche Nahrung wie Fleisch, Eier, Käse aufnimmt, kann das Übermaß an Harnsäure nicht mehr ausgeschieden werden, und es kommt zu Schlackenbildung im Gewebe.

Durch Zellteilung werden aber auch immer wieder neue Zellen geboren, so dass der Verlust an Zellen immer wieder ausgeglichen wird. Durch dieses Sterben und Werden des Zellenstaates ist der Körper in einer dauernden Wandlung begriffen; man sagt, dass nach etwa 7 Jahren kein Stückchen von dem Fleisch mehr vorhanden ist, welches heute den Leib bildet. Wir wissen aber, dass diese Wandlung eine zielvolle ist, eine Entwicklung zu immer höherer Art, ganz entsprechend dem Programm des Geistesmenschen, der mittels eines immer vollkommeneren Instrumentes zu einer immer höheren Erkenntnis kommen will.

So sehen wir, dass unser Leib nichts Festes und Beständiges ist, sondern ein dauernder Schöpfungsakt, eine Form, ein Durchgang für den Geist, durch welchen die geistige Wesenheit ins Leben hinein und aus dem Leben herausgeht. Wir können ihn vergleichen mit einem Fass, in welches dauernd Wasser hinein- und oben wieder herausfließt, so dass das Fass immer voll bleibt, der Inhalt aber dauernd wechselt. Manchmal wird das Fass ganz abgelassen – das ist der Tod, und wieder aufgefüllt – das ist die neue Geburt.

So ist das Wesen des Menschen am besten folgendermaßen gekennzeichnet: eine Form, durch welche ein Strom ununterbrochen hindurchfließt oder hindurchfließen soll: der Strom der Liebe. Liebe ist es, welches den Geistesmenschen zur Körperform verdichtet, die Liebesgaben der Sonne ermöglichen dem Körper das Leben, und Liebe soll er üben in Worten und Werken. So erkennen wir den menschlichen Leib als das Gefäß, durch welches der Geist der Liebe in die Welt hineinfließen will. Je mehr er diese Funktion erfüllt, desto gesünder bleibt er. Je weniger Liebe er ausübt, je mehr er die ihm gespendete Kraft für eigennützige Zwecke des Leibes verwendet, desto mehr zieht sich die Liebeskraft von ihm zurück, das Lebenskraftwerk versagt, der Leib verfällt in Krankheit und Siechtum.

Das Kraftwerk des Zellenstaates,

welches den Stoffwechsel unterhält und damit die Erneuerung des in stetigem Sterben befindlichen Leibes bewirkt, nennen wir die „Lebenskraft“, oder „Aetherleib“, wie ihn die alten Philosophen bezeichneten. Mit dem Wort Aetherleib können wir uns ein gutes Bild von seinen Funktionen machen: es ist ein Leib nach der Form des Körpers, der aber nicht aus Stoff, sondern aus Kraft besteht. Deshalb ist er zwar mit unseren leiblichen Sinnen nicht ohne weiteres zu erkennen, aber unter besonderen Umständen doch nachweisbar: sensitive Menschen können ihn im Dunkelzimmer als leuchtenden Kranz sehen, der sich um den Körper herumlegt, wie der Physiko-Chemiker Frhr. von Reichenbach schon vor bald hundert Jahren in unermüdlichen Versuchen nachgewiesen hat und seither viele Forscher bestätigt haben. Durch feinste Instrumente kann er als strahlende Kraft bis zu 50 cm über den Körper hinaus gemessen werden, wie in neuerer Zeit der bedeutende Chirurg F. Sauerbruch mitgeteilt hat. Es handelt sich hier also keineswegs um Okkultismus, sondern um eine Realität, für welche die Wissenschaft immer neue Beweise findet. Wir müssen uns vorstellen, dass dieser Aetherleib den ganzen Körper, alle seine Organe und jede einzelne Zelle durchdringt und mit Lebenskraft versorgt, wie ein Kraftwerk einen Konzern von Fabriken mit elektrischem Strom. Versagt das Kraftwerk Aetherleib, dann fehlt dem Körperhaushalt der Kraftstrom, der Stoffwechsel kommt ins Stocken, die Ausscheidungsorgane versagen, die Harnsäureschlacken werden in die Gewebe abgelagert und schädigen die Ernährung der Zellen, die Zellschädigung verursacht Störungen in den Organen und ihren Funktionen – die Stafette hat ihren Lauf begonnen, die schließlich zur Entzündungskrankheit und bei Nichtbeseitigung zu Siechtum und Tod führt.

Die Quellen der Lebenskraft

Jedes Kraftwerk braucht Rohstoffe, aus denen es seinen Strom erzeugt. Das Kraftwerk des menschlichen Körpers hat zwei Quellen, aus denen es mit den nötigen Rohstoffen versorgt wird: der Geist und die Sonne. Vergleichen wir die geistigen Quellen mit den Wassern, mit denen viele Elektrizitätswerke gespeist werden: Das Wasser einer starken Quelle wird in einem Stausee gesammelt und über Turbinen geleitet, welche den Strom erzeugen. Der Stausee entspricht der menschlichen Seele, die Quelle dem Geist, vom Geiste aus müssen dauernd lebendige Wasser durch die Seele in den Körper fließen, und dieser lebendige Quell ist nichts anderes als der Geist der Liebe, der sich in der Seele in liebevolles Denken, Fühlen und Wollen umwandelt. Diese Seelenkräfte erzeugen in den Turbinen des Aetherleibes die Lebenskraft, welche dem Körper und seine Funktionen in Gang hält, damit er in der Lage ist, Werke der Liebe in die Welt zu streuen. Nun sehen wir es klar: der Geist der Liebe bedient sich des geistig-seelisch-leiblichen Menschen, um in das Leben hineinwirken zu können. Geist bedarf des Stoffes und des Lebens im Stoff, um sich in Wirken selbst zu erkennen.

Während die geistige Quelle der Lebenskraft von oben her fließt, kommt eine materielle Quelle von unten her, aus dem Körper: die Sonnenkräfte. Die Sonne spendet mit ihren Strahlen Licht und Wärme, und wir nehmen diese teils direkt auf durch die Haut und die Atmungsluft, teils indirekt durch die Nahrung, soweit diese nicht entwertet ist. Die stärksten Sonnenkräfte essen wir in Nüssen, Früchten, Rohgemüsen, und im vollen nicht ausgemahlenen Getreidekörnern. Auch aus den Kräften dieser Nahrungsmittel wird das Kraftwerk Aetherleib gespeist, aber freilich in viel geringerem Maße als aus den geistigen Wassern. Wenn die Sonne uns solche lebenskräftigen Strahlen spendet, so fragen wir: woher bekommt denn die Sonne ihre Kraft? Die Antwort ist nicht schwer: die Spenden der Sonne sind reine Liebeswerke; also ist auch die Sonne nichts anderes als ein Organ der Liebe, ja die alten Weisen sahen in der Sonne geradezu die Verkörperung des Geistes der Liebe.

Beide Quellflüsse unserer Lebenskraft entstammen also in Wirklichkeit einer einzigen Quelle: der Liebe.

Störungen im Kraftwerk

Wenn vom Lebenskraftwerk nicht mehr genügend Lebenskräfte erzeugt werden, dann stocken die Funktionen der Körperorgane, der Stoffwechsel wird immer unvollkommener, Harnsäureschlacken lagern sich ab und bewirken neue Hemmungen, alle Schwierigkeiten steigern sich, bis eine Entzündung schließlich die heilsame Regulation herbeiführt, heilsam in zweierlei Hinsicht: Die Schlacken werden im Krankheitsfeuer verbrannt oder ausgeschieden und der Körper dadurch gereinigt; 2. durch Schmerzen, Bettlägerigkeit und finanziellen Schaden wird der Mensch zum Nachdenken angeregt, er sucht nach den Ursachen dieser Schädigungen, damit er sie künftig vermeiden kann, und wenn er nur ernsthaft und unermüdlich sucht und sich nicht durch Spiegelfechtereien hinhalten lässt, wird er sie finden, wenn oft auch erst spät und nach vielen trüben Erfahrungen.

Die Beseitigung der Störungen
und die Verhütung weiterer Brände, ergibt sich daraus von selbst. Es kann sich nicht darum handeln, hier oder dort Flickwerk zu betreiben, einen Ausschlag durch Salben schnell zu beseitigen, einen Durchfall durch lähmende Mittel zu stopfen, ein Fieber durch starke Gegenmittel zu vertreiben oder wie die Unterdrückungsmaßnahmen alle heißen, die eine Ausscheidungskrankheit an der Geburt hindern, sondern es kommt einzig darauf an, herauskommen zu lassen, was heraus will, und die Ursachen zu beseitigen, welche zur Ansammlung von Stoffwechselschlacken und damit zur Entzündung geführt haben: durch eine naturgemäße Lebens- und Ernährungsweise und durch liebevolles Denken, Fühlen und Handeln müssen wir unser Lebenskraftwerk betriebsfähig erhalten, dass es dem Körper den Lebensstrom zur Aufrechterhaltung seiner gesunden Funktionen weiter liefert. Um diese Erneuerung aus innerster Überzeugung durchführen zu können, müssen wir uns bewusst werden, dass wir geistige Wesen sind. Wir müssen uns dem Großen Geist, dem All-Einen hingeben und Geist, Seele und Leib zum Instrument seiner Mission machen. Dann haben wir in unserem Innern einen Führer durch alle Phasen des Lebens, welcher aus eigener Weisheit die Betriebsstockungen und Brände im Körper verhütet oder heilt.

Dr . Heinrich Will ( 1891-1971) deutscher Arzt