Die Kraftquellen des Menschen


in Vergangenheit und Zukunft

Bundespräsident Heuss auf dem letzten Ärztetag (Dezember 1950):
„Die Medizin gehört zur Naturwissenschaft, 
denn der Mensch ist ein Stück Natur. 
Das Ärztetum gehört zur Geisteswissenschaft, 
denn der Mensch ist eben nicht bloß Natur!“

Der Mensch, der seinem eigentlichen Wesen nach Geist ist, bezieht die Bausteine zu seinem irdischen Instrument, dem Leib, aus der Natur. Mit Besorgnis muss heute festgestellt werden, dass wir uns in steigendem Masse von der Natur loslösen. Schon vor 200 Jahren erscholl der Ruf des französischen Philosophen Rousseau: „Zurück zur Natur“ und wurde zum Programm einer Weltbewegung.

Wenn diesen Programm überhaupt eine Wirkung beschieden war, dann war es höchstens die Verzögerung eines offenbar unaufhaltsamen Prozesses: der Absonderung von der Natur mit dem damit verbundenen Rückgang der körperlichen Kraft und Gesundheit.
Dieser Prozess hatte wohl seinen Anfang in der zunehmenden Übervölkerung der Erde, welche unaufhaltsam zur Verstädterung und Industrialisierung der Menschheit und damit zur Entfremdung von der Natur führte.

Die Massenansammlung von Menschen in der Stadt brachte es mit sich, dass viele natürliche Nahrungsmittel haltbar und lagerfähig gemacht werden mussten, d.h. es musste durch Kochen oder Chemikalien das Lebendige aus ihnen ausgetrieben werden, weil sie sich sonst durch die Loslösung vom Mutterboden zersetzt hätten. Damit verloren sie aber ihr Wesentlichstes, man kann vielleicht sagen: ihr "geistiges Band“, und zurück blieben rein materielle "Teile", die erhebliche Naturwerte eingebüßt haben und zwar gerade solche lebendige Werte, die für die Gesunderhaltung wichtig sind.

Mit der Zeit erwies es sich, dass die normale Bodenfruchtbarkeit für die Ernährung der wachsenden Menschheit nicht mehr ausreichte. So wurde es notwendig, dem Boden durch künstliche Düngemittel immer größere Erträge abzuringen. 
Die unvermeidliche Chemisierung der Erdscholle raubt auch ihr offenbar einen entscheidenden Teil ihres Wesens: die in ihrer Lebens- und Widerstandskraft getroffenen Pflanzen und Bodenfrüchte verlieren an Qualität und werden anfälliger für Krankheiten und Schädlinge.

Und nun beginnt ein weiterer zwingender Prozess der zunehmenden Ent-Natürlichung der Nahrungsmittel, den man nur vergleichen kann mit dem „Bösen, das fortzeugend Böses muss gebären“: das Korn muss chemisch gebeizt, die Mehllager durchgast, die Obstbäume gespritzt, ja Kartoffeln und Gemüse und sogar die Wälder müssen zum Schutz vor Schädlingen immer häufiger chemisch durchsetzt und damit in ihrer lebendigen Natur getroffen werden.

Die entwerteten Nahrungsmittel erhalten ein unansehnliches Äußeres und müssen nun wieder durch chemische Behandlung gefärbt und geschönt werden, wodurch ihre Qualität weiter sinkt. Der Prozess geht dann weiter auf die naturfernen Nahrungsmittel Fleisch und Milch und ihre Produkte über, da auch das Vieh unter den entwerteten Pflanzen leidet und schlechtere Produkte erzeugt. In neuester Zeit wird uns nun noch das letzte reine Naturprodukt, das Trinkwasser, verleidet. Es muss auf Befehl der Besatzungsmächte mit Chlor versetzt werden, außerdem soll es in manchen Gegenden nach amerikanischem Muster mit Fluor vermischt werden zur angeblichen Vorbeugung der Zahnfäule.

Was bleibt uns von der Natur und ihren Kräften noch übrig?

Die Folgen dieser Absonderung von der Natur betreffen Gesundheit, Wirtschaft und Politik. Der Markt wird mit billigen entwerteten Nahrungsmitteln überschwemmt, die aber in Wirklichkeit teurer sind, weil man mehr davon essen muss, um satt zu werden. Die zunehmende Teuerung setzt die Lohn-Preis-Schraube in Gang und wirkt sich politisch aus. Weiter verlieren die Menschen allmählich nicht nur den Instinkt für den Wert eines Nahrungsmittels, sondern auch die Fähigkeit, kernige Nahrung zu verdauen.

Ein Beispiel dafür ist das wachsende Verlangen nach Weißbrot und Feinmehlspeisen, und die Zahl derjenigen ist im Steigen, die überhaupt nicht mehr wissen, was ein gutes Vollkornbrot ist, in dem doch allein die Naturkraft des Kornes steckt.
Mit der weichlichen Nahrung lässt die Widerstandskraft gegen Krankheit und die Fähigkeit zu körperlicher Schwerarbeit nach.

Die Bauernkinder fliehen in die Städte, und mit der Verpflanzung der Industrie aufs Land nistet sich auch dort immer mehr die entwertete Nahrung ein. Dem Bauerntum geht es nicht nur durch den Landarbeitermangel ans leben, sondern es wird auch durch die auf Industrialisierung ausgerichtete Politik immer mehr an die Wand gedrückt, was wiederum die Erzeugung natürlicher Nahrungsmittel einschränkt.

Angesichts dieser Tatsachen würde die ernsthafte Inangriffnahme eines Programms „Rückkehr zur Natur!“ eine Katastrophe größten Ausmaßes hervorrufen. Die Entwicklung ist schon zu weit vorgeschritten, zu viele Existenzen sind in diesen Prozess verstrickt, als dass es hier jemals noch ein Zurück geben könnte. Aber führt nicht auch ein Weiterschreiten auf diesem Weg der Absonderung von der Natur zu einer Katastrophe? Wenn wir den Mut haben klar zu sehen, befinden wir uns bereits in dieser Katastrophe mitten drin: die Erkrankungsziffern an allen Krankheiten, besonders den schweren und unheilbaren, nehmen beständig zu. Die Kosten für die Behandlung dieser Kranken erfordern allein in Deutschland Milliardenbeträge.

Ähnliche Summen erreichen die Aufwendungen für die infolge Schwäche und Siechtum invalide gewordenen Menschen. Die Wirtschaft, welche diese Milliardenbeträge aufzubringen hat, ist gezwungen in schärfsten Konkurrenzkampf in sich selbst und mit dem Ausland zu treten, wodurch die politische Atmosphäre vergiftet wird, der Unfriede nach innen und außen zunimmt und der Atomkrieg vor der Türe steht. Politische Systeme wie Liberalismus und Sozialismus haben an diesem Prozess nichts ändern können, aber auch der Kommunismus hat bereits bewiesen, dass auch er hier versagt. Gibt es also keine Rettung für die gequälte Menschheit?

Kann vielleicht in Zukunft die natürliche Nahrung durch eine künstliche ersetzt werden, die etwa, wie schon heute ein Speisefett aus Steinkohle gewonnen wird? Ist es möglich, dass wir trotz weitergehender Ent-Natürlichung der Nahrung lebens- und arbeitsfähig bleiben?
Jawohl, das ist möglich! Aber dann muss für den Menschen eine andere Kraftquelle erschlossen werden, die imstande ist, die bei chemischer Ernährung ausfallenden Naturkräfte zu ersetzen. Diese Kraftquelle ist vorhanden! Sie liegt in unserem geistig-seelischen Wesensteil, „denn der Mensch ist eben nicht bloß Natur (Heuss).

Wenn im Körper ein Blutgefäss unterbunden wird, dann schafft sich das Blut von selbst einen neuen Weg zum Erfolgsorgan. Und wenn operativ z.B. eine Drüse entfernt wird, dann werden die anderen Drüsen aktiver, um die ausfallenden Stoffe zu ersetzen. Es ist also eine geistige Kraft im Menschen tätig, welche seinen Leib in Ordnung zu halten bestrebt ist. Diese geistige Kraft können wir stärken oder schwächen, je nachdem wir uns mit ihr verbinden und uns in ihren Dienst stellen, d.h. ihre Gesetze erfüllen.

Die geistigen Kraft-Gesetze sind bekannt, man kann sie in einem Wort zusammenfassen, und das heißt: Liebe! Selbstlose, aufopfernde Liebe! Diese Liebe ist tatsächlich der größte Kraftbildner, den es gibt; sie wirkt aufs stärkste in den Körper hinein, macht das Herz höher schlagen, fördert den Blutumlauf und damit die gesamte Stoffwechseltätigkeit. Ein liebevoller Mensch verdaut daher besser, er kann aus minimalsten Nahrungsmengen die nötigen Baustoffe für den Leib herausholen. Das ist längst und in erschütternder Weise bewiesen.

Zu allen Zeiten gab es Menschen, welche mit einem Minimum an Nahrung, ja ohne alles Essen durch lange Zeiten auskommen konnten. Aber es waren Heilige, d.h. heißt verbundene, liebeerfüllte Menschen, die für sich nichts, für die Mitmenschen alles hingaben. Das lebendige Beispiel dafür in unserer Zeit und in unserem Land ist die Therese von Konnersreuth, die seit vielen Jahren fast ausschließlich von der Hostie lebt. Hiervon konnten sich nicht nur viele Wissenschaftler, sondern auch Tausende aus allen Volkskreisen persönlich überzeugen und können es heute noch.

Die Loslösung des Menschen von der Natur und ihren Kraftquellen geschieht im Rahmen des Zerfalls einer veralteten Welt und einer in überlebten Anschauungen und Traditionen erstarrten Menschheit. Aber aus den Trümmern erwächst neues Leben und eine neue Geistigkeit mit einer neuen Kraftquelle für den Menschen, welche den Verlust der Natur auszugleichen vermag. An uns liegt es, die Zeichen der Zeit zu erkennen und richtig zu werten. Der Egoismus ist es, welcher die alte Welt zerstört, die Nächstenliebe kann eine neue aufbauen.

(Dr. Heinrich Will)